Die Macht der Sprache: dolmetschen, übersetzen, sprechen

07.06.2018: Im Jahr 1977 besuchte Jimmy Carter Polen. Es war sein erster Besuch eines kommunistischen Landes. Seine Rede dolmetschte ein junger Mann namens Steven Seymour, der das erste Mal für ein Staatsoberhaupt tätig war und zudem im Vorfeld nicht gebrieft worden war. Carter sagte: „When I left the United States this morning, I told the people of my nation that this journey reflects the diversity of a rapidly changing world.“ Seymour übersetzte “to leave” fälschlicherweise mit einem polnischen Verb, das implizierte, Carter habe sich aus seinem Land abgesetzt.

Land- und Zeitenwechsel: 1945 forderten die Alliierten von Japan die bedingungslose Kapitulation. Japans Premierminister Kantaro Suzuki antwortete mit dem Wort „mokusatsu“, das bedeuten kann, dass etwas ignoriert oder dass etwas stillschweigend hingenommen wird. Die Journalisten übersetzten, dass der Premier die Forderung keines Kommentars als würdig erachte. Auch wenn dieses Wort nur einer von vielen Faktoren für den Abwurf der Atombombe war, so ging es doch als die tragischste Übersetzung in die Geschichte ein.

Falsch übersetzte Wörter können zu Konflikten zwischen Ländern führen. Und natürlich begegnet uns die Interpretation von Sprache jeden Tag – und das selbst, wenn wir die gleiche Sprache sprechen. „You are performing a feat of interpretation anytime you attempt to communicate with someone who is not like you“, schreibt Lauren Collins in ihrem großartigen Buch “When in French”. (Einen Auszug aus dem Buch finden Sie im "New Yorker")

Die US-Amerikanerin, die als feste Journalistin für den „New Yorker“ arbeitet, beschreibt, wie sie Französisch lernte. Der Grund: Sie verliebte sich in einen Franzosen – und fragte sich bald, ob es Aspekte an ihm gibt, die sie nicht versteht, wenn sie nicht mit ihm in seiner Muttersprache sprechen kann. Lauren Collins erkundet, wie wir Sprachen lernen, was Sprache für den Menschen bedeutet und die Macht der Sprache in unserem Alltag. Mit großer Intelligenz schildert sie die Frustrationen, Überraschungen und schließlich die Freude am Lernen und Leben in einer anderen Sprache. Und stellt sich dabei immer wieder die Frage: „Ist man in einer anderen Sprache auch eine andere Person?“ Das kluge Buch, das ich bereits zum zweiten Mal lese, ist nicht für Menschen in der Kommunikationsbranche hochinteressant, sondern jedem zu empfehlen, der sich über Sprache Gedanken macht.

Gitta Rohling

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