On Air: Journalistisches Storytelling in Podcasts

26.11.2018: Ich liebe Podcasts! Und höre sie ständig: wenn ich zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs bin, wenn ich koche, Zähne putze oder dusche. Bereits kurz nach dem Aufstehen mache ich den ersten Podcast an. Mit meiner Begeisterung bin ich nicht alleine: Podcasts sind in.

Vor etwa einem Jahrzehnt, als die ersten Podcasts aufkamen, wirkten noch technologische Einschränkungen gegen ihre weite Verbreitung, denn sie mussten mühsam von einem Computer auf einen MP3-Player oder iPod übertragen werden. Das änderte sich 2014, als Apple dem iPhone eine Podcast-App hinzufügte, die das Abonnieren fast zum Kinderspiel machte.

Im Gegensatz zu Instagram, Twitter und Facebook sind viele Podcasts nicht auf schnelle Information ausgelegt, sondern - ebenso wie Serien - auf umfassendes Storytelling. In Anlehnung an "Binge Watching" titelt der New Yorker seinen Artikel über Podcasts daher "Binge Listening". Die These: Podcasts verändern die Weise, wie Geschichten im Radio erzählt werden. Denn die Podcaster nehmen die Hörer mit auf ihre journalistische Reise und geben Einblicke hinter die Kulissen. Anstatt allwissende Autorität zu verbreiten, präsentieren sie ihre subjektiven Einschätzungen und geben dabei auch Unsicherheiten zu. Damit verringern die Podcaster ihre Glaubwürdigkeit nicht - im Gegenteil: Sie erhöhen sie. "Today, it has become a podcast cliché for the host, however well versed in his subject, to display an air of naïveté, and for the audio to incorporate mundanities of the reporting process", schreibt der New Yorker. 

Wer hat's erfunden? Storytelling im New Journalism

Was derzeit also im Radio passiert, erinnert an die Veränderungen, die die journalistische Berichterstattung in den 1960er und 1970er Jahren mit dem New Journalism erlebte. Der New Journalism verstand sich als Gegenkonzept zum Informationsjournalismus und dessen Objektivitätsglauben, dass sich Ergebnisse neutral beobachten und treffend wiedergeben lassen. Der New Journalism basiert dagegen auf der Erkenntnis, dass Nachrichten nicht die Wirklichkeit, sondern Geschichten über die Wirklichkeit sind. Einer seiner bekanntesten Vertreter: Truman Capote. Sein Buch "In cold blood", das die grauenhaften Morde an einer vierköpfigen Farmerfamilie beschreibt, gilt als Wegbereiter des New Journalism.

DerJournalist Peter Linden schreibt in seinem Buch "Wie Texte wirken" folgende kluge Sätze: "So sehr sich der Autor der Wirklichkeit verpflichtet fühlen mag, immer wird die Aufbereitung der Fakten subjektiver Natur sein. Anstatt aus dem unerschöpflichen Reservoir der Fiktion, schöpft der Journalist aus dem beschränkten der Fakten, dennoch schöpft er, wählt aus, sortiert. Und schon bei der Entstehung der Fakten ist der Journalist subjektiv beteiligt: Nur was er recherchiert, was durch Nachfrage oder Quellenstudium in seinen Erfahrungsschatz gelangt, kann zur abgebildeten Wirklichkeit werden. Die Wirklichkeit ist also primär eine subjektiv erlebte."

Deswegen enthielten die Texte der New Journalists ebenso wie literarische Texte vielfältige narrative Elemente. Dazu gehören:

__ die erkennbare Sicht und Stimme eines Erzählers inklusive Dialoge, aber auch innere Monologe
__ die Präsentation von Szenen, von Ort und Zeit 
__ die Vorstellung und Beschreibung der Charaktere 
__ eine Handlung, die sich über einen Zeitraum erstreckt 
__ ein dramaturgischer Aufbau mit Anfang, Mitte, Ende 
__ein Plot mit Konflikt und Auflösung 

In den Podcasts werden diese Elemente wieder entdeckt.“Podcasts have changed how stories are told on the radio, introducing the idea of a more personal, even fallible narrator, and establishing a narrative structure — exposition, complication, epiphany, and resolution — that has become so entrenched that it now seems inevitable", schreibt der New Yorker.

Meine persönliche Podcast-Entdeckung nach der Lektüre des New-Yorker-Artikels: This American Life.

Gitta Rohling

P.S. Dank an den Fotografen @mattbotsford von www.unsplash.com

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