So spannend kann Wissenschaft sein: Wie vier Visionäre die Pille entwickelten

05.03.2019: Im Jahr 1950 traf die Frauenrechtlerin Margaret Sanger Gregory Pincus, einen visionären Wissenschaftler mit zweifelhaften Ruf. Der Anlass des Treffens: ein Verhütungsmittel zu entwickeln, mit dem Frauen wirksam und eigenbestimmt ihre eigene Fruchtbarkeit kontrollieren könnten.

Die außergewöhnliche Geschichte, wie sie die Pille erfanden und gesellschaftlich zur Akzeptanz brachten, erzählt Wissenschaftsautor Jonathan Eig in "The Birth of the Pill". Finanziert wurde die Sache von der wohlhabenden Witwe und Philanthropin Katharine McCormick (Katharine McCormick ist übrigens auch eine Hauptperson im ebenfalls sehr lesenswerten Buch "Riven Rock" von T.C. Boyle). Als vierter im Bunde kam später John Rock dazu, ein charismatischer, katholischer Arzt, der mit seiner Kirche kämpfte, um die öffentliche Zustimmung für das umstrittene neue Medikament zu gewinnen. 

Als Kommunikationsexpertin interessiert mich der PR-Aspekt an dieser Entwicklung. Ein Forscher, war sich Pincus sicher, muss seinen wissenschaftlichen Prozess kennen, aber er muss auch in der Lage sein, diesen Prozess anderen zu erklären. Mit Forschung im Elfenbeinturm konnte er nichts anfangen. Die moderne Welt erfordere eine aktive Vermarktung der Wissenschaft, sagte er. Denn er wusste: Es würde nicht ausreichen, ein effektives Verhütungsmittel zu entwickeln. Damit so etwas funktionieren würde, müssten Ärzte, Krankenschwestern, Kliniken und Patienten das Wie und Warum davon verstehen. Notwendig war nicht nur die Vision, sondern auch ihre schlaue Umsetzung, gepaart mit Engagement, Können und Geld. Denn die Herausforderungen waren immens: die Nebenwirkungen zu reduzieren, genügend Testpersonen zu akquirieren, Vorurteile abzubauen und vieles mehr.

Denn die Umsetzung eines effektiven Verhütungsmittels ging weit über die reine Entwicklung der Pille hinaus: Es ging vor allem auch darum, zu informieren, PR zu machen und Lobbyarbeit zu betreiben. Wissenschaftlichen Einfallsreichtum und der Mut, neue Wege zu gehen, waren gefragt.  

Das Buch zeigt, wie schwierig und mühsam es ist, einen echten sozialen Wandel herbeizuführen. Er ist harter Arbeit und dem Engagement ernsthafter, besessener, oft sehr eigener Persönlichkeiten zu verdanken. Wie erfolgreich die PR war, zeigt sich nicht zuletzt darin, das die Pille heute einfach "die Pille" heißt, als wäre sie die einzig existierende Pille. Lesen Sie einen spannenden Bericht über eine bemerkenswerte wissenschaftliche, kulturelle und soziale Reise.

Gitta Rohling

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